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Seit wann atmen Ziegelwände?
Wertvolle Bau-Tipps vom Energieberater

Berchtesgaden (MDP/01.10.2004)

Bezirkskaminkehrermeister Wolfgang Deigentesch Da heißt es im Volksmund immer so schön "Ziegelwände sind besser, denn die atmen". Doch stimmt das auch wirklich so und welche Volksweisheiten muss man noch vorsichtig betrachten? Der Berchtesgadener Anzeiger hat nachgefragt beim Energieberater und Bezirkskaminkehrermeister Wolfgang Deigentesch aus Bischofswiesen erfahren wir Wertvolles für alle Wohnbereiche:

Herr Deigentesch, sind Ziegelwände besser weil sie atmen und die Feuchtigkeit aus den Räumen aufnehmen?

"Eine Wand kann und wird nie atmen. Zum Austausch der verbrauchten Luft in den Wohnräumen sind mehrmals täglich Lüftungsmaßnahmen notwendig. Die von den Bewohnern erzeugte Feuchte und die Schadstoffe aus Einrichtungsgegenständen usw., werden durch das regelmäßige Lüften abtransportiert. Da dies aufgrund von Berufstätigkeit, Urlaub und sonstiger Abwesenheit nicht immer mehrmals täglich möglich ist oder auch vergessen wird, empfiehlt sich der Einbau von Lüftungsanlagen, der so genannten kontrollierten Wohnraumbelüftung. Diese halten die Luftqualität in den Wohnräumen gleichmäßig bei guter Qualität, auch nachts oder wenn niemand da ist."

Bei den aktuell sehr verbreiteten Energiesparhäusern sagt man häufig, dass weniger mehr sei und "Überdämmung" sogar zu Schimmelpilz führt. Was sagen sie als Profi dazu?

"Im Gegenteil. Richtig ausgeführte Wärmedämmung vermeidet Wärmebrücken und verhindert dadurch die Bildung von Schimmelpilz. Die Ursachen der Schimmelpilzbildung sind meistens hohe Luftfeuchtigkeit in den Räumen."

Was halten sie von Energiesparhäusern bis hin zum Passivhaus-Standard?

Bezirkskaminkehrermeister Wolfgang Deigentesch "Sehr viel. Nur das Wort Energiesparhaus stört mich ein bisschen, denn ich finde das steht bei den meisten Menschen wohl nicht im Vordergrund. Ich stelle immer das Wohlbefinden der Bewohner heraus und nicht den Zusatznutzen, dass man langfristig gesehen Energiekosten spart und etwas für die Umwelt tut. Das Wohlbefinden der Bewohner muss im Mittelpunkt stehen und da schneiden die so genannten Energiesparhäuser natürlich extrem gut ab. Die Feuchtigkeit und die Schadstoffe, etwa aus neuen Teppichen oder Möbeln, müssen aus dem Haus raus, das geschieht gleichmäßig und permanent durch ein professionelles Lüftungssystem. Wenn man den ganzen Tag zu Hause ist, dann kann man natürlich selbst regelmäßig lüften, doch dann kommt auch alles von draußen ungefiltert herein. Gerade Allergiker verspüren ein besonderes Wohlempfinden in Häusern mit guter Lüftungsanlage, weil die Pollen komplett aus der Luft gefiltert werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Filter regelmäßig gewechselt werden. Und das sagt es eigentlich schon, man muss sich selbst wohl fühlen und seine eigenen Lebensgewohnheiten und Wohlfühlfaktoren kennen und dann individuell entscheiden was zu einem passt."

Was würden sie persönlich sich dann für ein Haus bauen, wenn sie aktuell in dieser Situation wären?

"Das ist natürlich immer schwierig. Wissen sie, dass ab dem Jahr 2010 der Passivhaus-Standard (also mit einem Verbrauch von maximal drei Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche) vom Gesetzgeber in Deutschland vorgeschrieben sein wird. Andere Häuser dürfen dann gar nicht mehr gebaut werden.
Ich würde mir auf jeden Fall nur ein Haus bauen, wenn ich mir finanziell wirklich eine gute Lüftungsanlage und beste Haustechnik leisten kann, dies ist mitentscheidend für die Wohnqualität. Die Außenmauern dürften aus Holz sein, so wie es bei den Fertighäusern ist, doch innen würde ich persönlich die gemauerten Wände bevorzugen, denn das Mauerwerk dient als Wärmespeicher.
Wenn man einen Kaminofen oder Kachelofen plant, sollte man sich unbedingt vorher vom zuständigen Kaminkehrer beraten lassen."

Was sagen sie dann dazu, dass der Gesetzgeber uns mit der Energiesparverordnung ab 2010 vorschreibt beim Neubau den Passivhaus-Standard einzuhalten?

"Ich betrachte das kritisch, die Bewohner müssen sich mit dieser Bauweise identifizieren, man kann es ihnen nicht gesetzlich aufdiktieren.
Hier werden die konventionellen Dämmmaßnahmen - passive Komponenten - noch erheblich verstärkt. Zum Beispiel bedeutet das Dämmschichtendicken von 20 bis 30 Zentimetern, die Fenster werden mit speziellen Drei-Scheiben Wärmeschutzgläsern und gegebenenfalls mit zusätzlichem temporärem Wärmeschutz ausgerüstet. Eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung und Energieeffizienz durch aktive Sonnenenergienutzung mittels Kollektoren zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung gehören zur Grundausstattung.
Für alle am Bau Beteiligten stellt das Passivhaus eine neue Herausforderung dar. Durch neue Baumaterialien und eine optimierte Anlagentechnik wird die Planung und die Ausführung der Arbeiten für die Fachbetriebe umfangreicher. Eine neutrale Energieberatung würde dem Bauherrn die Vor- und Nachteile der verschiedenen Baumaterialien - wie beispielsweise Kork, Schafwolle - oder bei der Anlagentechnik beispielsweise die Solarsysteme oder Holzpellets-Heizung - aufzeigen."

Vielen Dank für das Gespräch!